Raphael Lemkin und der ukrainische Holodomor

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Raphael Lemkin. Jurist und Schöpfer des Genozid-Begriffs

Raphael (Rafal) Lemkin wurde 1900 im Dorf Beswodne in der Nähe von Wolkowysk, heute Grodno, Weißrussland, in eine Familie polnischer Juden geboren, die in der Landwirtschaft tätig waren. Damals gehörte es zum russischen Reich; später ging dieses Gebiet an die wiederhergestellte Republik Polen über. Lemkin studierte Philologie in den frühen 1920er Jahren und anschließend Rechtswissenschaften an der Universität Lwiw (Westukraine).

Während seiner Studienzeit, brachte die Ermordung des osmanischen Politikers Talat Pascha durch einen armenischen Studenten im Jahr 1921 Lemkin dazu, sich mit dem Problem der verbrecherischen Massenvernichtung von Menschen, manchmal ganzen Nationen zuzuwenden. Er begann internationales Recht zu studieren, um Gesetze zur Verhütung und Bestrafung solcher Verbrechen zu schaffen, die er zu diesem Zeitpunkt "Barbarei" nannte.

Lemkin schrieb seine Dissertation in Deutschland an der Universität Heidelberg, arbeitete dann als stellvertretender Staatsanwalt in Bereschany und lehrte schließlich in Warschau. In den frühen 1930er Jahren vertrat Lemkin den polnischen Staat auf internationalen Rechtskonferenzen; 1933 (dies war nicht nur das Jahr, in dem Hitler an die Macht kam, sondern auch das Jahr des Holodomor, über den Lemkin damals Bescheid wusste) schlug er vor, diejenigen, die Mitgliedern einer großen Gemeinschaft Schaden zufügten, der "Barbarei" zu bezichtigen und diejenigen, die kulturellen Schätze einer solchen Gruppe aus Hass gegen sie zerstörten, des "Vandalismus". Diese Täter sollten, wo auch immer sie waren, festzunehmen, zu richten und zu bestrafen sein.

Damals wurde dieser Vorschlag wurde abgelehnt. In den Folgejahren entwickelte sich daraus das Konzept des Genozids, das von der Weltgemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg übernommen wurde.

Nach der Aufteilung Polens zwischen Hitlers Nazi-Deutschland und Stalins UdSSR im Jahr 1939 musste Lemkin vor den Nazis nach Schweden fliehen. Er emigrierte schließlich in die USA, wo er an der Universität Jura lehrte. 1944 veröffentlichte er seine Arbeit „Die Achsenmächte in Europa“ (Axis Power in Europe), in dem er den Begriff „Genozid“ erstmals verwendete, das Konzept des "Völkermords" formulierte und die Zerstörung europäischer Länder durch Nazideutschland dokumentierte.

Lemkins Arbeit war Grundlage für die Urteile des Nürnberger Tribunals; Er war der Hauptförderer der Verabschiedung des Übereinkommens zur Verhütung und Bestrafung von Völkermordverbrechen durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Jahr 1948. Er wurde zweimal für den Friedensnobelpreis nominiert, erhielt ihn aber nie. Raphael Lemkin starb 1959 in New York in sehr bescheidenen Verhältnissen.

Lemkin unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu den Ukrainern, insbesondere zum Vorsitzenden des Ukrainischen Kongressausschusses von Amerika, Professor Lew Dobriansky. Daher ist dieser hier veröffentlichte Text in seiner Biografie kein Zufall. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um einen Bericht, den Lemkin 1953 in New York auf einer Gedenkveranstaltung an die große Hungersnot der ukrainischen Gemeinschaft vorlegte.

Der Schreibmaschinentext befindet sich im Archiv der New York Public Library in einem Ordner mit anderen Materialien zur Geschichte des Genozids, an denen der Autor lange Zeit gearbeitet hatte, die jedoch nie vollständig veröffentlicht wurden. Lediglich Lemkins Materialien zum Völkermord an den Armeniern wurden vor einigen Jahren in einem separaten Buch in Armenien veröffentlicht.

Die Bedeutung von Raphael Lemkins Ideen für die ukrainische Geschichts- und Rechtswissenschaft von enormer Bedeutung. Lemkin nannte die Verbrechen des stalinistischen Regimes unverhohlen eine Völkermord an der ukrainischen Nation; Er betonte ausdrücklich, dass der Völkermord gezielt gegen die ukrainische Nation begangen wurde; Dies steht auch im Einklang mit den Anforderungen der UN-Konvention, die soziale Gruppen nicht als mögliche Opfer von Völkermord anerkennt - und daher die künstliche, gegen Bauern gerichtete Hungersnot, nicht als Völkermord anerkennt.

Menschen der Wahrheit - Raphael Lemkin (Plakat des Ukrainsichen Instituts für Nationales Gedenken

Lemkin sieht im ukrainischen Völkermord vier wesentliche Bestandteile:

  1. Die Zerstörung der ukrainischen Intelligenz (Bildungsschicht) - des Gehirns oder Geistes der Nation;
  2. Die Liquidation der ukrainisch-orthodoxen autokephalen Kirche - der "Seele der Ukraine";
  3. Der massenhafte Hungermord (Holodomor) an der ukrainischen Bauernschaft - den Hütern der ukrainischen Kultur, Sprache, Traditionen und weiteren Werten.;
  4. Die Besiedlung der Ukraine durch ausländische ethnische Volksgruppen, was eine radikale Veränderung der Bevölkerungszusammensetzung zur Folge hatte.

Mit seiner breiten Herangehensweise an das Problem des Völkermords in der Ukraine legt Raphael Lemkin immer noch Richtlinien für moderne Forscher und Politiker fest und zeigt, wie diese Tragödie präsentiert werden kann, damit die Welt sie versteht und akzeptiert.

Legt man diese Publikation zugrunde, dann bedeutet die Verneinung des Genozids am ukrainischen Volk, welcher zweifelsfrei vom Schöpfers des Genozid-Begriffs und der Konzeption der Genozid-Straftat als Bestandteil des modernen internationalen Rechts selbst anerkannt ist, faktisch auch eine Leugnung dieses Verbrechens gegen die Menschheit und Menschlichkeit als solche und die Ablehnung der Notwendigkeit einer schweren Bestrafung für dieses Genozid-Verbrechen.


Quelle

Aus dem Ukrainischen übersetzt:
Радянський геноцид в Україні (z.T. aus dem Englischen) / Radio Free Liberty / https://www.radiosvoboda.org/a/1349371.html