Holodomor - Vernichtung durch Hunger/06 Warum kam es zum Mord durch Hunger in der Ukraine?: Unterschied zwischen den Versionen

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Aktuelle Version vom 13. Oktober 2019, 07:01 Uhr

1931 schien es, als könne Stalin einen Sieg feiern. Die Mehrheit der Bauern wurde schließlich gezwungen, den Kolchosen beizutreten. Der Staat hatte die volle Kontrolle über die Resultate ihrer Arbeit übernommen. Im selben Jahr hatte man sich fast die gesamte Ernte aus den Kolchosen bis zum letzten Korn bemächtigt und Rekordmengen von Getreide ins Ausland exportiert. Aber schon im Frühjahr 1932 wurde offensichtlich, dass dieser Sieg in der Ukraine nur ein „Pyrrhussieg“ war. Als Folge der unkontrollierten Getreide-Requirierungen von 1931 kam es im nächsten Frühjahr in vielen Regionen der Ukraine zu Hungersnöten. In der Republik kam es bis zum Sommer 1932 zu einer erneuten massiven Welle von Bauernprotesten und Hunger-revolten. Die Bauern, die bereits unter der Hungersnot litten, kämpften jetzt nicht mehr nur um ihr Land, sondern auch um das nackte Überleben. Von den Protesten, die sich 1932 über sieben Monate in der ganzen UdSSR hinzogen, fanden 56% in der Ukraine statt. Es kam zu erneuten Kolchose-Massenaustritten von Landwirten.

In den Kolchosen hatten die Bauern endgültig das Interesse an der eigenen Arbeit verloren. Sie begriffen, dass ihnen die gesamte von ihnen erwirtschaftete Produktion weggenommen würde. Außerdem wurden die Kolchosen häufig von in-kompetenten Kommunisten geleitet, die lediglich die Anweisungen der Zentralmacht ausführten. Die Arbeitsproduktivität sank beinahe auf den Nullpunkt. Das Kolchosensystem erwies sich als totales Fiasko. Die kommunistische Führung musste einsehen, dass die Kollektivierung innerhalb von zwei Jahren kein einziges der gesetzten Ziele erreicht hatte. Die landwirtschaftliche Produktion sank, der Widerstand dauerte an und die Werte-Ordnung der Bauern war immer noch so stark wie 10 Jahre zuvor. Auch Parteiangehörige aus den Reihen der lokalen Nationalkommunisten begannen ihre Unzufriedenheit mit der Parteipolitik zu artikulieren.

Die Situation war fragil, besonders vor dem Hintergrund der Erfolge der Industrialisierung und Kollektivierung in anderen Regionen der Sowjetunion. Die oberste Parteiführung erklärte den Misserfolg in der Ukraine mit Sabotage. Und zwar nicht nur durch ukrainische Bauern, sondern auch seitens der örtlichen Kommunisten und der nationalen Intelligenzija. Die Parteielite war davon überzeugt, dass sie alle gemeinsam unter dem Einfluss „der unabhängigen bourgeoisen Ideologie“ standen. Die Ereignisse der Ukrainischen Revolution und die Unabhängigkeitserklärung der Ukrainischen Volksrepublik als politische Alternative waren der Bevölkerung immer noch gegenwärtig. Dies beunruhigte die Führung der Kommunistischen Partei sehr. Schließlich war die Ukraine die zweitgrößte und zweitwichtigste Republik der Sowjetunion. Die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit trat schließlich in den Hintergrund. Stalin verlangte, alle Probleme auf einen Schlag zu lösen: den Widerstand der Bauern, der Intelligenzija und der Nationalkommunisten in der Regierung zu brechen, die Aufsässigen eines Besseren zu belehren und die Überlebenden in Sowjetmenschen zu verwandeln. Erreicht werden konnte dies allein nur durch Massenvernichtung. Wie bisher, mussten die neuen repressiven Mechanismen jedoch den Anschein erwecken, dass die Staatsmacht gesondert gegen Sozialfeinde und gegen Nationalfeinde vorging.

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Quelle

Broschüre des Ukrainischen Instituts für Nationales Gedenken